Beitrag

Gesundheitsversorgung im Landkreis Cloppenburg: Was ein Landrat wirklich bewegen kann

Vor einigen Monaten mussten wir mit unserem Kind für einen Kinderarzttermin nach Vechta fahren. Damals habe ich mich gefragt: Ist das einfach Pech? Heute weiß ich: Nein. Es ist Teil eines Problems, das unseren gesamten Landkreis betrifft.

Volles Wartezimmer einer Hausarztpraxis
Volles Wartezimmer einer Hausarztpraxis

Ende Mai kamen über 300 Menschen aus Politik, Verwaltung und den Kliniken in der Cloppenburger Stadthalle zusammen. Der Titel der Veranstaltung – „Kürzen. Ende. Aus. Krankenhäuser in Gefahr." – machte deutlich, wie ernst die Lage von den Verantwortlichen eingeschätzt wird.

Die Lage in Zahlen

Diese Sorge lässt sich mit Zahlen unterlegen, auch wenn die Realität dahinter mehr wiegt als jede Statistik. Laut Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) liegt der Versorgungsgrad bei Hausärzten im Landkreis bei 88,1 Prozent, bei Kinderärzten bei 83,8 Prozent. Übersetzt heißt das: Schon heute ist jede neunte Hausarztstelle unbesetzt – 15 Sitze allein in Cloppenburg und Friesoythe. Und ohne Gegensteuern könnte der Versorgungsgrad laut KVN-Prognose bis 2030 auf rund 75 Prozent fallen.

Der Ernstfall: St.-Marien-Hospital Friesoythe

Wie ernst es werden kann, zeigt der Fall des St.-Marien-Hospitals Friesoythe. Anfang 2025 geriet das Haus wegen Geldmangels in ein Schutzschirmverfahren – eine Art Rettungsschirm kurz vor der Pleite. Für einen der größten Arbeitgeber der Region stand plötzlich alles auf dem Spiel: die Intensivstation, die Notaufnahme, Hunderte Arbeitsplätze.

Der Landkreis hatte den Umbau des Hospitals – Intensivstation, OP-Zentralisierung, Zentralsterilisation – wenige Tage zuvor mit einem zweckgebundenen Zuschuss von bis zu 8 Millionen Euro unterstützt; das Land steuerte für den Bau insgesamt 18,7 Millionen Euro bei. Als das im Sanierungsverfahren erarbeitete Konzept nur mit zusätzlichem Kapital umsetzbar war, gaben Landkreis und Stadt Friesoythe im Sommer 2025 gemeinsam Darlehen von knapp 8 Millionen Euro. Im September 2025 wurde das Insolvenzverfahren aufgehoben. Seit Juni 2025 sitzt der Landkreis mit 25,1 Prozent als Gesellschafter mit am Tisch – in beiden Krankenhäusern des Landkreises.

Der Fall zeigt vor allem eines: Ein Krankenhaus schließt nicht von heute auf morgen. Es stirbt langsam. Genau deshalb muss jemand hinsehen, bevor es zu spät ist – nicht erst, wenn die Insolvenz schon auf dem Tisch liegt.

Was ein Landrat nicht entscheidet

Mir ist wichtig, auch im Wahlkampf ehrlich zu sagen, was ein Landrat entscheiden kann – und wo andere zuständig sind. Die im Juli 2026 vom Bundestag beschlossene GKV-Finanzreform begrenzt die Vergütungssteigerungen der Krankenhäuser künftig noch stärker. Wie viele Kassensitze es für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte gibt, legt nicht der Kreistag fest, sondern die KVN gemeinsam mit dem Landesausschuss. Und der Krankenhausplan – welches Haus welche Fachabteilung vorhält – wird in Hannover beschlossen, nicht in Cloppenburg.

Was ein Landrat tatsächlich in der Hand hat

Was ein Landrat dagegen in der Hand hat, ist größer, als es auf den ersten Blick wirkt. Als Mitgesellschafter unserer beiden Krankenhäuser sitzt der Landkreis am Tisch, wenn über Investitionen und Fachabteilungen entschieden wird, und kann Kliniken finanziell stützen. Er entscheidet über eigenes Geld für Stipendien und Praxisgründungen, über das Tempo bei Genehmigungen und darüber, wie aktiv er selbst um Ärztinnen und Ärzte wirbt. Und der Gesetzgeber erlaubt Landkreisen, in Gebieten mit drohender Unterversorgung kommunale Praxen oder Versorgungszentren zu gründen – der Landkreis Esslingen unterstützt seine Gemeinden mit bis zu 50.000 Euro je Neugründung. Genau dort will ich ansetzen: bei den Stellschrauben, die im Kreishaus liegen, nicht bei denen in Berlin oder Hannover.

Warum ich mir das zutraue

Ich bin kein Mediziner. Aber ich weiß, wie Förderprogramme wirken müssen, damit sie wirklich ankommen. Jede Woche entscheide ich in meiner Arbeit als Standortmanager beim Starthaus Bremerhaven über öffentliche Förderkredite für Gründerinnen und Gründer. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wochenlang auf eine Antwort zu warten – und wie viel es verändert, wenn stattdessen innerhalb weniger Tage jemand zurückruft, der zuständig ist und entscheiden darf. Genau diese Erfahrung will ich einbringen, wenn es darum geht, Ärztinnen und Ärzte nach Cloppenburg zu holen. Ein Landrat kann keinen Arzt ausbilden. Aber er kann dafür sorgen, dass einer nach Cloppenburg kommt – und dass er bleibt.

Drei Ansatzpunkte für Cloppenburg

Deshalb setze ich als Landrat an drei Stellen an.

Erstens: Krankenhäuser sichern. Was in Friesoythe erst in einer akuten Krise gelang, will ich künftig früher angehen: wirtschaftliche Risiken rechtzeitig erkennen und die möglichen Instrumente des Landkreises nutzen – einschließlich Bürgschaften oder Gesellschafterdarlehen, wenn sie notwendig und verantwortbar sind. Zugleich will ich die beiden Krankenhäuser enger zusammenbringen, damit sie kooperieren statt konkurrieren: gemeinsame Strukturen dort, wo sie medizinisch sinnvoll sind, und klare Profile für beide Standorte.

Zweitens: Ärzte gewinnen – im Wettbewerb neue Wege gehen. Der Ärztemangel ist ein bundesweiter Wettbewerb um zu wenige Fachkräfte. Fördermittel anzubieten und anschließend zu warten, reicht deshalb nicht mehr. Der Landkreis fördert heute 25 Medizinstudierende mit monatlich 500 Euro und Praxisgründungen mit bis zu 60.000 Euro – zwölf Ärztinnen und Ärzte sind so bereits nach Cloppenburg gekommen. Das funktioniert, reicht aber nicht aus. Darauf will ich aufbauen: Studierende sollen unseren Landkreis früh durch Praktika und Weiterbildungsabschnitte kennenlernen. Wer sich hier niederlassen möchte, bekommt einen festen Ansprechpartner, der Förderanträge, Praxisräume und Genehmigungen koordiniert und auch bei Kinderbetreuung oder der Jobsuche für die Partnerin oder den Partner unterstützt. Und gemeinsam mit der Bezirksregierung will ich Anerkennungsverfahren für ausländische Abschlüsse beschleunigen, statt Menschen, die hier arbeiten wollen, monatelang warten zu lassen.

Findet sich für eine wichtige Haus- oder Kinderarztpraxis trotzdem keine Nachfolge, soll ein kommunales Versorgungszentrum als Sicherheitsnetz möglich sein: angestellt im Team arbeiten, ohne sofort das volle wirtschaftliche Risiko einer eigenen Praxis zu tragen – ein Modell, das gerade jüngeren Medizinerinnen und Medizinern entgegenkommt. Qualifizierte medizinische Fachkräfte können sie bei Hausbesuchen und Routineaufgaben entlasten. Entscheidend ist: Wir müssen Ärztinnen und Ärzte früher ansprechen, verlässlich begleiten und ihnen gute Gründe geben, dauerhaft im Landkreis zu bleiben.

Drittens: Bedarfe datenbasiert erfassen. Zur kommunalen Gesundheitsberichterstattung ist der Landkreis über sein Gesundheitsamt ohnehin verpflichtet. Daraus will ich ein echtes Gesundheitsmonitoring entwickeln: eine regelmäßige, gemeindegenaue Übersicht darüber, wie sich bspw. Arztsitze, Altersstruktur der Praxisinhaberinnen und -inhaber und Versorgungsgrade entwickeln oder wo welche medizinischen Notfälle besonders häufig auftreten. Dazu gehört der Rettungsdienst: Als dessen Träger entscheidet der Landkreis allein über Standorte der Rettungswachen und die Zahl der Fahrzeuge – und trägt die Verantwortung dafür, dass die gesetzliche Hilfsfrist überall eingehalten wird, auch in den Randlagen unserer Dörfer.

Der Nutzen ist konkret: Eine Gemeinde erfährt bspw. zwei Jahre vor der Praxisaufgabe, dass sie eine Nachfolge braucht – und nicht erst aus der Zeitung. Und über Fördermittel, Praxisstandorte, ein kommunales Versorgungszentrum oder einen zusätzlichen Rettungswagen entscheiden wir auf Grundlage von Daten, nicht von Eindrücken.

Was zählt

Gesundheitsversorgung entscheidet sich nicht nur in Berlin oder Hannover. Sie entscheidet sich auch hier, im Landkreis Cloppenburg – in der Frage, ob wir die Möglichkeiten nutzen, die wir tatsächlich haben, oder uns hinter dem verstecken, was wir angeblich nicht beeinflussen können.

Ich verspreche keine Wunder. Aber ich verspreche, die Gesundheitsversorgung aktiv und mit Weitsicht zu gestalten, statt passiv auf vorhersehbare Probleme zu reagieren. Messen Sie mich daran, ob wir offene Haus- und Kinderarztsitze nachweislich reduzieren, der Versorgungsgrad wieder steigt, unsere beiden Krankenhäuser dauerhaft gesichert sind und mehr Ärztinnen und Ärzte den Landkreis als Arbeits- und Lebensort wählen.

Ich trete als unabhängiger Kandidat an, weil ich eine gute Idee nicht danach beurteilen will, von welcher Partei sie kommt, sondern danach, ob sie den Menschen im Landkreis hilft. Dass mich mit SPD und FDP zwei Parteien mit ganz unterschiedlichen politischen Traditionen unterstützen, ist für mich genau der Beleg dafür: Hier zählt die Sache, nicht das Parteibuch.

Ich wünsche mir, dass unsere Kinder auch in zwanzig Jahren einen Arzt in ihrer Nähe finden, wenn sie ihn brauchen – und dass Eltern für einen Kinderarzttermin nicht mehr in den Nachbarlandkreis fahren müssen.

Wenn Sie Fragen, eigene Erfahrungen oder Ideen zur Gesundheitsversorgung im Landkreis haben – sprechen Sie mich an, schreiben Sie mir oder kommen Sie zu einer der nächsten Veranstaltungen im Landkreis vorbei. Jede Rückmeldung hilft mir, die richtigen Prioritäten zu setzen.